Schwimmen nach Herzklappenersatz

Keine Sportart ist in der kardiologischen Rehabilitation so heftig und umstritten diskutiert worden, wie das Schwimmen. In den 60er Jahren sind beim Schwimmen in Rehabilitationskliniken einige Todesfälle registriert worden, so dass das Schwimmen lange Zeit verboten wurde.
Während bei Herzinfarkt- und Bypass-Patienten der Zugang zum Schwimmen wesentlich erleichtert wurde, hat man bei Herzklappen-Patienten immer noch Bedenken.
In der Herz-Kreislauf-Klinik Bad Berleburg haben wir seit 1984 ca. 15 000 schwimmtelemetrische Untersuchungen durchgeführt, davon ca. 4 000 bei Herzklappen-Patienten. Ich möchten Ihnen nachfolgend unsere Ergebnisse zusammen mit anderen nationalen und internationalen Studien vorstellen.

Reaktionen des Organismus auf das Wasser


Wassertemperatur:
Bei einer Wassertemperatur bis 35 C kühlt der Körper langsam aus, da er seine Wärme an das kältere Wasser abgibt. Je kälter das Wasser, desto schneller der Wärmeverlust. Ab einer Temperatur von weniger als 20 C können die körpereigenen Wärmeverhaltensmechanismen den Verlust nicht mehr ausgleichen, so dass es dann zu einem schnellen Auskühlen des Körpers kommt. Die Gefahr liegt darin, dass der Wärmeverlust zunächst nicht bemerkt wird, und der Erschöpfungszustand zu spät wahrgenommen wird.

Also Vorsicht beim Schwimmen und Baden im offenen Meer, Flüssen oder Badeseen!

Die Wassertemperaturen, die normalerweise in öffentlichen Schwimmbädern vorherrschen (23-32 C), stellen für den Körper keine Gefahr dar.
Bei Temperaturen von mehr als 36 C (Wasserbecken oder Badewanne) besteht die Gefahr, dass sich der Körper langsam erwärmt. Der Organismus reagiert darauf mit einer Weitstellung der kleinen Blutgefässe in der Peripherie, um den Wärmeüberschuss abzugeben. Steigt man dann aus dem Wasser, versackt das Blut in den weitgestellten Gefässen, und es kann zu einem Schwindelgefühl kommen. Man kann dieser Reaktion des Körpers vorbeugen, indem man sich vor dem Verlassen der Badewanne kalt abduscht.

Im Wasserbecken sollte die Aufenthaltsdauer von 30 Minuten nicht überschritten werden!

Wasserdruck:
Beim Eintauchen in das Wasser kommt es durch den Wasserdruck auf die peripheren Gefässe zu einer Blutverschiebung von den Beinen in den Bauch- und Brustraum. Ein Teil des Blutes gelangt auch in den Herzmuskel zurück. Der Herzmuskel reagiert darauf mit einem Reflex und senkt die Herzfrequenz um bis zu 20 Schlägen pro Minute. Diese Reaktion des Herzens wird im Wasser nicht wahrgenommen. Sie ist bei Menschen und Säugetieren ein ganz normaler Vorgang.
Nur hatte man jahrelang angenommen, dass diese Dehnung des Herzmuskels durch das zurückgedrückte Blut von einem erkrankten oder operierten Herzen nicht verkraftet wird und dadurch Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden.
Unsere schwimmtelemetrischen Untersuchungen haben gezeigt, dass es beim Eintauchen in das Wasser und beim Schwimmen nicht zu vermehrten oder lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommt. Dieses gilt sowohl für einen Aortenklappen- und Mitralklappenersatz als auch für einen Doppelklappenersatz.
Auch die Vorschädigung des Herzens spielt keine Rolle beim Auftreten von Herzrhythmusstörungen im Wasser. Für Patienten, die unter Vorhofflimmern leiden, besteht ebenfalls keine Gefahr beim Schwimmen. 

Beim Aufenthalt im Wasser und beim Schwimmen kommt es nicht zu vermehrten Herzrhythmusstörungen. Wir haben nur die Rhythmusstörungen beobachtet, die uns bereits aufgrund durchgeführter Belastungs-Elektrokardiogramme und 24-Stunden-Bandspeicher-Elektrokardiogramme bekannt waren. Bei über 60 % der telemetrierten Herzklappen-Patienten traten keine Herzrhythmusstörungen auf.

Schwimmtechnik, Schwimmtauglichkeit und Schwimmerlaubnis
Biomechanische Untersuchungen im Schwimmkanal haben gezeigt, dass man das Schwimmen im Hinblick auf die Energiebilanz, Belastungsreaktionen und Herz-Kreislauf-Tätigkeit mit keiner anderen Sportart vergleichen kann. Da die Belastung in erster Linie von der Schwimmtechnik abhängt, kann man hinsichtlich der Schwimmgeschwindigkeit keine Angaben machen.Beim Laufen und Gehen hingegen kann man die Gehgeschwindigkeit über das Körpergewicht direkt aus dem Belastungs-EKG errechnen. Beim Schwimmen ist dieses nicht möglich, da die Schwimmgeschwindigkeit von der Wasserlage und den Körperproportionen abhängt.Frühere Empfehlungen lauteten, dass man erst dann schwimmen sollte, wenn man auf dem Fahrradergometer die Mindestbelastung von 75 Watt erreicht hat.Aufgrund der biomechanischen Untersuchungen und unserer schwimmtelemetrischen Ergebnisse führen wir Wassergewöhnungsübungen, Bewegungsbäder und Schwimmtraining bei Patienten durch, die auf dem Fahrradergometer weniger als 75 Watt erreicht haben.Die individuelle Schwimmgeschwindigkeit muss über mehrere Schwimmversuche ermittelt werden. Gesteuert wird die Schwimmgeschwindigkeit über die Trainingsfrequenz, die auch für das Gehen oder Laufen errechnet wurde. Eine Veränderung der Trainingsfrequenz für das Wasser ist nach neueren Untersuchungen nicht nötig.

Für Patienten, die mit der Pulsmessung Schwierigkeiten haben, empfehle ich ein wasserdichtes Pulsmessgerät, welches in jedem gut sortierten Sportfachgeschäft oder im Sanitätsfachhandel erhältlich ist. — Der Aufenthalt im Wasser oder das Schwimmen stellt für den Herzklappen-Patienten keine Gefahr dar. Die Belastung des Herz-Kreislauf-Systems hängt von der Schwimmgeschwindigkeit oder von der Intensität der Bewegungsbäder oder anderer Wassertrainingsprogramme (Aquarobic etc.) ab. Die optimale Wassertemperatur liegt beim Ausdauerschwimmen zwischen 24 und 28 C und bei Bewegungsbädern zwischen 28 und 33 C.
Die Belastungsintensität im Wasser richtet sich nach den kardiologisch-diagnostischen Ergebnissen und der für Sie errechneten optimalen Trainingsbelastung. 

Uwe Schwan, Dipl. Sportlehrer, Sankt Rochus Klinik, Bad Schönborn

(Juli 2004)