Urlaubssport - Wassersportarten

Es stellt sich immer wieder die Frage: „Kann ich mit meiner Herzklappe es wagen, zu rudern oder Kanu zu fahren?“ Die traditionellen Wassersportarten werden aus der Sicht der rehabilitativen Sportkardiologie erläutert.

Rudern und Kanufahren

Rudern und Kanufahren zählen zu den Ausdauersportarten im Wassersport. Dabei muß man den Leistungssport ganz klar vom Freizeitsport trennen. Während beim Leistungsrudern und -kanufahren in sehr hohem Maße die Maximalkraft eine Rolle spielt, dominiert im Freizeitsport eher die Ausdauerkomponente. Da es sich um einen zyklischen Bewegungsablauf handelt, läßt sich die Belastung sehr gut über den Puls (Herzfrequenz) regulieren. Dabei muß die Bewegungsgeschwindigkeit den Wasserverhältnissen angepaßt werden. Wenn man es schafft, die Bewegungsgeschwindigkeit und den Krafteinsatz konstant zu halten, werden auch die Blutdruckwerte selten in gefährlich hohe Bereiche steigen.

Natürlich ist es auch hier von Bedeutung, ob es sich bei dem Interessenten um einen Anfänger oder um einen erfahrenen Wassersportler handelt. Einem Anfänger rate ich immer, sich in ein Mannschaftsboot mit einigen erfahrenen Wassersportlern zu setzen, so braucht man vor einer Überbelastung keine Angst zu haben. Erfahrene Patienten können sich durchaus früher wieder in die Einzelboote setzen.
Die Brustkorbbelastung z.B. nach einer Operation spielt natürlich eine Rolle. Nach guter Mobilisation im Akutkranken-haus und in der Rehabilitationsklinik und einer regelmäßigen Teilnahme am ambulanten Herzsport steht einer Aufnahme dieser Sportarten nichts im Wege.

Hinsichtlich der kardialen Belastung beim Rudern und Kanufahren gibt es in der sportmedizinischen Literatur keine einheitlichen Bewertungen. Fast alle Untersuchungen sind an gesunden Hobby- und Leistungssportlern gemacht worden und nur bedingt auf den Rehasport zu übertragen.

Wir empfehlen eine Leistungsfähigkeit von mindestens 2 Watt pro Kilogramm Körpergewicht, d.h. wenn man 75 kg schwer ist, sollte man auf dem Fahrradergometer mindestens 150 Watt ohne EKG-Veränderungen bewältigen können.
Es ist nicht nur die Belastung auf dem Wasser entscheidend, sondern auch die körperlichen Aktivitäten um das Rudern und Kanufahren. Die höchsten Belastungen entstehen beim Tragen und Bewegen der Boote an Land, da es sich hierbei um kraftbetonte muskuläre Arbeit handelt. Hier sollte man die kardiale Belastung nicht unterschätzen.

Rudern und Kanufahren gehören mit zu den schönsten und erholsamsten Natursportarten. Wer einmal eine Wanderruderfahrt oder Wanderkanufahrt auf den norddeutschen Seen oder auf Main, Mosel, Weser oder Donau mitmacht, wird ein unvergleichliches Naturerlebnis in Erinnerung behalten

Segeln

Beim Segeln muß man natürlich zwei Varianten unterscheiden, einmal das sportliche Regattasegeln und zum zweiten das entspannende Segeln zum Beispiel in kleinen oder großen Kabinenbooten.

Beim sportlichen Segeln in Jollen kann es bei schnellen Manövern wegen der psychischen und muskulären Belastung zu hohen Blutdruckspitzen kommen.
Die muskulären Belastungen sind sehr unterschiedlich und von der technischen Ausstattung des Bootes abhängig. Das Segeln mit Trapez ist eine statische Belastung, das heißt, daß die Muskulatur viel Haltearbeit verrichtet. Dabei übersäuern die Muskeln, so daß für das Herz-Kreislauf-System und den Stoffwechsel keine wünschenswerten Anpassungserscheinungen zu erwarten sind.
Beim „Nicht-Wettkampf-Segeln“ entfallen diese Belastungen, so daß gefährliche Blastungsspitzen nicht zu erwarten sind.
Die muskuläre Belastung innerhalb der üblichen Tätigkeiten im Boot ist dann nur noch von der Windstärke abhängig.
Bei mehrtägigen oder mehrwöchigen Bootsreisen sollte man berücksichtigen, daß immer ein ausreichender Vorrat an Medikamenten mitgenommen wird (CoaguChek, Teststreifen, Gerinnungshemmer).

Segelsurfen
Das Segelsurfen erfreut sich weiter großer Beliebtheit. Es stellt allerdings hohe Anforderungen an die Koordination (Geschicklichkeit). Die Kraftkomponente ist hierbei wesentlich höher als beim Segeln in Jollen oder Kabinenbooten und daher für Hypertoniker nicht geeignet. Durch die Kombination von dynamischer und statischer muskulärer Belastung kann es zu hohen Herzfrequenz- und Blutdruckanstiegen kommen.
Hinzu kommt die nicht zu unterschätzende Belastung beim Aufsteigen auf das Brett im Wasser.
Das kurzfristige Untertauchen unter Wasser beim Sturz vom Brett stellt keine Gefährdung für das Herz-Kreislauf-System dar.

Therapeutischer Wert
Beide Sportarten zählen nicht zu den klassischen Ausdauersportarten und führen daher nicht zu den für Herz-Kreislauf-Patienten wichtigen Anpassungserscheinungen im Herzen, an den Gefäßen und im Stoffwechsel.
Nicht zu unterschätzen sind auch die hohen körperlichen Belastungen bei den Vorbereitungen und dem Präparieren der Boote und Surfbretter.
Das Verletzungspotential und die damit verbundenen Risiken für Patienten mit Gerinnungshemmern sind als sehr gering einzustufen.

 

Tauchen

Keine Sportart wird in der kardiologischen Rehabilitation so kontrovers diskutiert wie das Schwimmen und Tauchen.
Der Aufenthalt im und unter Wasser stellt für den menschlichen Organismus eine große Herausforderung dar. Der Körper muß sich an eine andere Umgebungstemperatur gewöhnen und die Reaktionen auf den Wasserdruck kompensieren.
Ich möchte in diesem Beitrag nur die wenigen für den Herzpatienten wichtigen Faktoren beschreiben.

Die Wassertemperatur
da das Wasser eine wesentlich größere Leitfähigkeit hat als die Luft, kühlt der Körper bei Wassertemperaturen von unter 35 Grad C systematisch aus. Je kälter das Wasser, desto schneller die Auskühlung. Bei einer Wassertemperatur von weniger als 20 Grad C kann der Körper den Wärmeverlust durch eigene Wärmeproduktion nicht mehr ausgleichen. Dadurch werden der Stoffwechsel und das vegetative Nervensystem extrem stark belastet. Daher sollte man beim Tauchen auf eine entsprechende Schutzkleidung (Neoprenanzug) achten.

Die Herzkreislauf-Reaktionen
Beim Ein- und Untertauchen des Körpers kommt es zu verschiedenen Reaktionen im Herzkreislauf-System, die der Herzpatient wissen sollte.
Die Herzfrequenz wird im und unter Wasser deutlich abgesenkt. Es handelt sich dabei um den sogenannten Tauchreflex. Er ermöglicht den Säugetieren, lange unter Wasser zu bleiben und kann als Sauerstoffsparmechanismus angesehen werden. Die Herzfrequenzsenkung ist individuell sehr unterschiedlich und kann bis zu 30 Schläge pro Minute ausmachen. Diese Herzfrequenzsenkung bleibt bei muskulärer Arbeit unter Wasser erhalten.

Eine weitere Reaktion ist die Blutvolumenverschiebung. Durch den Wasserdruck auf die Haut werden die kleinen Gefäße komprimiert und es werden bis zu 1 Liter Blut zurück in den Bauch- und Brustraum „geschoben“. Der größte Teil wird in der Körperhohlvene aufgefangen, aber ein kleiner Teil fließt zurück in das Herz. Dadurch erweitern sich die Herzhöhlen. Der Herzmuskel erhöht seine Auswurfmenge (Schlagvolumen). Der arterielle Blutdruck aber bleibt konstant. Rechtsherzkathetermessungen im Wasser haben ergeben, daß auch der Lungeninnendruck steigt.

Die größte Verunsicherung besteht hinsichtlich der dabei auftretenden Herzrhythmusstörungen. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen sehr gering ist. Leider liegen zu diesem Thema nur wenige Untersuchungen vor. Bei einer eigenen Untersuchung an 20 Herzinfarkt-Patienten konnten wir beim Streckentauchen und beim Gerätetauchen keine vermehrten Herzrhythmusstörungen beobachten.
Durch die gesteigerte Stimulation der Niere im Wasser kann sich bei längerem Aufenthalt die Fließeigenschaft des Blutes verschlechtern. Es sollte daher auf eine ausreichende Menge an Trinkflüssigkeit nach dem Wasseraufenthalt geachtet werden.

Generell unterscheidet man das apnoische Tauchen vom Tauchen mit Atemgeräten. Zum apnoische Tauchen gehören das Streckentauchen – und Tieftauchen – und das Tauchen mit Schnorchel.

Das apnoische Tauchen
Beim Strecken- und Tieftauchen hält der Betreffende für eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Zeit die Luft an. Dabei kommt es während der muskulären Arbeit unter Wasser zu einem Sauerstoffdefizit, was durch schnelles Atmen nach dem Auftauchen kompensiert wird.

Dabei sollte man beachten, daß bei Tauchgängen von länger als 20 Sekunden die Herzfrequenz nach dem Auftauchen über das Ausgangsniveau ansteigen und damit weit über der empfohlenen Trainings-Herzfrequenz liegen kann.
Beim Schnorcheln können einige Probleme auftreten. Beim Tieftauchen mit Schnorchel wird dieser durch einen Ventilmechanismus verschlossen. Nach dem Auftauchen wird das Wasser im Schnorchel mit einem kräftigen Atemstoß herausgepustet. Hierbei können ähnliche Druckverhältnisse auftreten wie beim Preßdruck, die mit einem plötzlichen Blutdruckabfall einhergehen.
Hinzu kommt, daß beim Schnorcheln an der Wasseroberfläche ständig gegen den Wasserdruck eingeatmet werden muß, so daß die Atemmuskulatur schneller ermüdet.

Das Tauchen mit Atemgeräten
Beim Gerätetauchen werden verschiedene Atemgeräte (Drucklufttauchgerät, Stickstoff-Sauerstoff-Gemische, Kreislaufgeräte – SCR) benutzt, die es dem Tauchenden ermöglichen, sich in verschiedenen Tiefen aufzuhalten. Auch hier ist die muskuläre Arbeit der Atemmuskulatur erhöht.
Die Kreislaufverhältnisse sind beim Gerätetauchen relativ stabil, da man durch die Preßluft genügend mit Sauerstoff versorgt wird und regelmäßig ein- und ausatmet.
Die Gefahren beim Gerätetauchen liegen in den Barotraumen (durch mangelnden Druckausgleich verursachte Verletzungen von Organen), im Tiefenrausch und in der Dekompressionskrankheit.
Für weitere Ausführungen zum Gerät verweise ich auf die Tauchliteratur im Fachhandel.

Für Herzklappen-Patienten kein erhöhtes Risiko
Die Kreislaufreflexe stellen beim Aufenthalt unter Wasser kein erhöhtes Risiko für Patienten mit guter Pumpfunktion des Herzens und einer Leistungsfähigkeit von mehr als 1,5 Watt dar. Auch bei Herzklappen-Patienten besteht kein höheres Risiko. Die meisten Unfälle beim Tauchen sind Barotraumen und passieren beim Gerätetauchen. Patienten, die vor der Operation oder dem Infarkt regelmäßig getaucht sind, können bei entsprechenden kardialen Voraussetzungen diesen Sport wieder aufnehmen. Patienten ohne Taucherfahrung sollten vom Tauchsport Abstand nehmen.

Leider muß man sagen, daß die Empfehlungen auch unter sportmedizinisch tätigen Kardiologen sehr unterschiedlich ausfallen Es liegen keine verläßlichen Daten und wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Die meisten Untersuchungen sind in den 70er Jahren gemacht worden und damals wurden diese kardiologischen Fragestellungen wesentlich strenger gehandhabt als heute.
Heute ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausarzt, Kardiologen und Tauchmediziner gefordert. Diese erweist sich jedoch in der Alltagsroutine als sehr schwierig. 

Uwe Schwan, Dipl. Sportlehrer, Sankt Rochus Klinik, Bad Schönborn

(Juli 2005)