Betr.: Vorhofflimmern und Panikattacken

Ich bestimme meinen, INR- Wert seit 2005 selbst. Ein Problem macht mir jedoch nach wie vor große Sorgen: Ich bin 74 Jahre alt und habe seit 2005 intermittierendes Vorhofflimmern. Meinen INR-Wert bestimme ich wöchentlich, bei Bedarf auch öfters, selbst. In den vergangenen Jahren lagen meinen Wert lediglich fünf mal leicht (3,3 / 1,9 ) und für kurze Zeit außerhalb der Norm von zwei bis drei. Während das Vorhofflimmern am Anfang relativ selten und für kurze Zeit auftrat, werden nun die Abstände kürze und die Dauer länger. ( Anfangs 4-6 mal im Jahr, für 2-6 Stunden, im letzten Jahr alle 3-6 Wochen für 6-28 Stunden). Mein Hausarzt sagte mir, dass ich damit rechnen müsste, dass mein Vorhofflimmern eines Tages chronisch und damit permanent auftreten würde. Während des Anfalls liegt mein Puls zwischen 70 und 90, nachdem Umsprung in den normalen Rhythmus steigt er jedoch für mehrere Stunden an um sich dann wieder gewohnte 60 bis 80 einzupendeln. Oft kündigt sich ein Anfall durch ein komisches Gefühl in der Herzgegend an (rubbeln). Manchmal bemerke ich ihn nur durch Pulsfühlen. Während des Anfalls sind die Symptome relativ gering ( außer einer panischen Angst ). Auch Belastungen wie Kniebeugen, Treppensteigen, Radfahren sind während eines Anfalls ohne weiteres möglich. Das Problem ist meine panische Angst vor einem Schlaganfall während des Vorhofflimmerns. Dieser raubt mir dann so gut wie allen Lebensmut. Zwischen den Anfällen fühle ich mich mit wenig Angst ganz wohl. Ich möchte Sie nun fragen: 

  • 1.„Was passiert, wenn mein Vorhofflimmern chronisch wird?“.
  • 2.„Wie soll ich mich dann verhalten?“.
  • 3. „Wie groß ist die Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden wirklich“.
  • 4. „Darf ich noch verreisen?“.
  • 5. „Stimmt es, dass man durch große körperliche Anstrengungen einen Anfall durchbrechen kann?`“
  • 6. „Ist meine panische Angst begründet?“ 

Ich kann mir vorstellen, dass ohne dies Angst die sicher auch noch das Herz belastet meine Krankheit leichter zu ertragen wäre. Zumal ich ja bis auf das gelegentliche rubbeln in der Herzgegend und dem ungleichmäßigen Puls keine schwerwiegenden Symptome verspüre. R.K.

Unsere Antwort:

Sie schildern ein ausgesprochen häufig anzutreffende Symptomatik und Problematik, auf die ich gerne im einzelnen eingehen werde:

  • 1: Der "normale" Verlauf des Vorhofflimmerns (also ohne Rhythmustherapie) ist in der Tat so, dass ein zunächst paroxysmales (zeitweilig) auftretendes Vorhofflimmern mit der Zeit in länger persistierende (anhaltende) Episoden, und schliesslich in ein permanentes Vorhofflimmern übergeht. Das Schlaganfallsrisiko ändert sich dadurch jedoch im Grunde nicht! Entsprechend gibt es keinen Unterschied hinsichtlich den Empfehlungen zur Antikoagulation abhängig davon, ob ein VHF nun intermittierend, persitierend oder permanent auftritt. Diesbezüglich ändert sich also für Sie nichts, sollte Ihr VHF einmal permanent werden. Das mit Abstand Wichtigste dabei haben Sie bereits sehr gut im Griff, nämlich die Antikoagulation, welche Sie weiter so optimal durchführen sollten!
  • Mit einer gut eingestellten Antikoagulation (und Sie beschreiben de facto den Optimalfall - ich wünschte alle Patienten wären so gut eingestellt!) müssen Sie auch keine Sorgen, und erst Recht keine Panik bekommen, wenn Sie vom normalen Rhythmus ins VHF wechseln, da Sie geschützt sind. Wenn dies Ihre einzigen Beschwerden im VHF sind, dann kann ich Sie beruhigen, und (um direkt auf Frage 6 einzugehen) Ihre panische Angst ist sicher nicht nötig! 
  • Es ist jedoch durchaus nicht unüblich, dass noch andere Beschwerden (Herzklopfen, evtl. Luftnot etc) oder Umstände auftreten, die eine Kontrolle des Rhythmus notwendig machen können. Die Rhythmustherapie bei Vorhofflimmern ist grundsätzlich keine einfache Sache, und ohne Kenntniss aller Umstände - und vor allem des Patienten selber - praktisch nicht durchführbar. Ich empfehle Ihnen also, einmal bei einem Kardiologen vorbeizuschauen, der nach einem Herzultraschall, Belastungs-EKG und 24-Stunden EKG die Therapieoptionen mit Ihnen besprechen kann.
  • 2+5: Wenn wie gesagt die Angst das einzige Symptom ist, dann brauchen Sie – eigentlich – zunächst mal gar nichts zu machen. Es gibt verschiedene Maneuver, welche zu Beendigung eines Anfalls schon diskutiert worden sind, doch keine hat wirklich konstant einen guten Effekt demonstrieren können. Evtl. kann Ihr Kardiologe Ihnen jedoch ein Medikament mitgeben, welches Sie bei einem Anfall direkt nehmen können (sog. "Pill in the Pocket"), und mit dem der Anfall durchbrochen werden kann.
  • 3: Das jährliche Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, wird durch verschiedene Faktoren bestimmt.
  • Wie Sie sehen gehört die Art des Flimmerns (intermittierend, persistent, permanent) nicht dazu. Durch eine orale Antikoagulation kann das Schlaganfallsrisiko im Schnitt um etwa 2/3 gesenkt werden. Hierbei ist der Benefit am höchsten und das Blutungsrisiko am geringsten bei einer optimalen INR Einstellung, so wie es bei ihnen der Fall zu sein scheint.
  • 4: Wenn Sie ausser der beschriebenen Angst keine weiteren Symptome haben, können Sie von kardialer Seite her auf jeden Fall verreisen. Besprechen Sie dies jedoch mit Ihrem Kardiologen, da es vor allem vom Vorhandensein oder Fehlen weiterer (Herz-) Erkrankungen abhängt. Das VHF alleine ist sicher kein Grund, auf's Reisen zu verzichten! Sie sollten jedoch, besonders bei Reisen in andere Zeitzonen, auf eine regelmäßige Einnahme des Marcumars® achten, und anfangs des INR ggf. ruhig etwas häufiger bestimmen.

Zusammenfassend also bleibt festzuhalten, dass das VHF alleine ihnen sicher nicht die Angst und Panik bereiten braucht, wie es dies offenbar tut! Die wichtigste Therapie haben Sie bereits (gut eingestellte Antikoagulation), und den Rest sollte man mal in Ruhe bei einem Kardiologen anschauen. Lassen Sie sich durch das VHF nicht Ihre Lebensfreude nehmen                             

Oberarzt PD Dr. med. Jan Steffel, Zürich (März 2012)