Sexualität nach Herzinfarkt

Zur Rehabilitation von Herzpatienten gehört auch die Frage, wie es um das sexuelle Erleben steht. Medikamente lösen in den Augen der Betroffenen nicht selten eine erektile Dysfunktion (Potenzstörung) oder eine Abnahme der Libido (Abnahme des sexuellen Bedürfnisses) aus.

Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt sich im Allgemeinen positiv auf die sexuelle Aktivität aus. Das Risiko, infolge von sexueller Aktivität einen erneuten Herzinfarkt zu erleiden oder daran zu sterben, ist sehr gering. Einfühlsam gefragt, lassen sich viele Patienten – auf ein dahingehendes Gespräch ein. Interessanter weise sprechen uns Männer eher auf das Thema an als Frauen.

Die erektile Dysfunktion

„Die erektile Dysfunktion (ED) beschreibt ein chronisches Krankheitsbild von mindestens 6-monatiger Dauer, bei dem mindestens 70 % der Versuche, einen Geschlechtsverzehr zu vollziehen, erfolglos sind“. (DGU- Deutsche Gesellschaft der Urologie).

Die sekundäre erektile Dysfunktion betrifft ca. 50 -80 % der Männer und Frauen im Zusammenhang z.B. mit:

  • Bluthochdruck,Diabetes, Hyperlipidämie (erhöhtes Cholesterin), Nikotinabusus, Arteriosklerose, Bestrahlungen im kleinen Becken, Prostatitiden (Erkrankung der Prostata), Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse, Schlafapnoe (Atemstillstände von mehr als 10 Sekunden), Alkoholmissbrauch, Drogen.

Wenn z.B. eine Schlafapnoe besteht und die Nachtruhe damit gestört ist, wird oft das getrennte Schlafen bevorzugt. Nächtliche Hypertoniephasen und Schnarchen können eine erektile Dysfunktion nach sich ziehen. Ein weiterer Punkt ist der Dauerstress sei es im Beruf oder in der Ehe der eine Abnahme der Potenz herbeiführt. Insbesondere beruflicher Stress bewirkt auch bei Jüngeren eine nachlassende Potenz. Aber auch Versagensängste, Depressionen, traumatische sexuelle Erfahrungen sind mit ca. 30 % an Potenzstörungen beteiligt.

So wäre es wünschenswert, dass schon während der kardiologischen Rehabilitation sich Psychotherapeuten um die partnerschaftlichen Belange der Herzpatienten kümmern sollten.

Potenzstörung und Arterienverkalkung

Die erektile Dysfunktion ist eng mit der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) verbunden. Betroffen sind z.B. in der Schweiz 44 % der Frauen im hohen Lebensalter, bei den Männern sind es 42 %. Der niedrige Wert bei den Männern zeigt nur, dass viele Männer das hohe Lebensalter nicht erreicht haben.

Frühwarnsystem Penis: Langfristige Potenzstörungen in jüngeren oder mittleren Jahren sind immer ein Warnzeichen, da es sich hierbei um eine beginnende Arteriosklerose handeln könnte.  Ein kardiologischer Check-up weist oftmals auf eine beginnende Arteriosklerose hin. Auch ein Burn-out-Syndrom kann sich auf die Potenz auswirken. Die Folgen:

  • Fünf bis sieben Jahren nach nach beginnender erektiler Dysfunktion kann es zu einem Herzinfarkt kommen.
  • Bei 25 % der Männer mit einer erektilen Dysfunktion (ED) wurde ein bis dahin unbekannter Diabetes mellitus entdeckt.
  • Eine koronare Herzkreislauferkrankung trat bei 40 % der Männer auf, bei denen eine Minderdurchblutung des Penis bestand.

Wird dann über diese Thematik – z.B. während der Rehabilitation – partnerschaftlich offen gesprochen, tritt der Vorsorgegedanke in den Vordergrund. Was kann ich persönlich tun, um aus dem Dilemma der erektilen Dysfunktion herauszukommen?

Auch im hohen Alter sexuell aktiv

Die Kölner Studie (M. Braun et al, Epidemiology of erectile dysfunction: Results ot he „Cologne Male Survey“; Int J. Impot Research 2000:12, 305-311) bei der 4.883 Männer befragt und 4.489 Antworten ausgewertet werden konnten, zeigt, dass über einen Lebenszeitraum von 30 bis 80 Jahre durchschnittlich 88,3 % der Männer sexuell aktiv waren – auch im hohen Alter. Die erektile Dysfunktion (ED) lag bei durchschnittliche 19,2% , wobei der prozentuale Anteil im hohen Alter auf 53,4 % stieg.

Operationen im Beckenbereich, Entzündungen der Harnwege, Bluthochdruck und Diabetes mellitus sind oftmals Parameter für eine erektile Dysfunktion.

Erektile Dysfunktion bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen.

Feldman HA et al. (J Urol 1994: 151, 54-61, Impotence and ist medical psychogical correlates: results of the Massachchusetts Male Aging Study) fand in seiner Studie heraus, dass bei Männern mit kardiovaskulären Erkrankungen:

  • in der Altersgruppe der 40-49jährigen 8%,
  • in der Altersgruppe der 50-59jährigen 16%
  • und in der Altersgruppe der 60-69jährigen 37% unter einer erektilen Dysfunktion leiden.

Er fand weiter heraus, dass bei behandelten Hypertonikern bei:

  • 8 % dieser Personengruppe eine vollständige,
  • 32 % eine mittelschwere und immer noch
  • 15 % eine leichte erektile Dysfunktion besteht.
  • Bei Patienten mit behandelten Diabetes mellitus wiesen:
  • 22% eine vollständige,
  • 33% eine mittelschwere und
  • 5% eine leicht erektile Dysfunktion auf.
  • Bei Männern deren koronare Herzkreislauferkrankung behandelt war, bestand:
  • bei 22 % der Fälle,
  • bei 38 % eine mittelschwere und
  • bei 18 % eine leichte erektile Dysfunktion. 

Jüngere Herzinfarkt-Patienten leiden

Gerade bei jüngeren Paaren wo der Mann ein Herzinfarkt erlitten hat, besteht eine große Angst, es könne beim Geschlechtsverkehr wieder ein Ereignis eintreten. Selbst wenn die Leistungsfähigkeit längst wieder gegeben ist, besteht immer noch die Angst zu versagen. Ein Problem besteht möglicherweise darin, dass die Ehefrau nun die Beschützerrolle übernimmt und somit eine Mutterrolle. Dieser Rollentausch ist für den erkrankten Partner in sexueller Hinsicht schwer zu ertragen. 

Belastende Begleitumstände

  • Beziehungsprobleme
  • Versteckspiel – nicht das Fremdgehen als solches aber der sich selbst auferlegte Stress und Erfolgszwang, es sexuell beweisen zu wollen, ist möglicherweise ein Gefahrenpunkt für ein erneutes kardiales Ereignis bzw. ein Ausbleiben eines Orgasmus.
  • Liebestodesfälle – der plötzliche Tod durch sexuelle Aktivität bleibt hingegen ein seltenes Ereignis.

Wenn ein schnellerer Puls, Extrasystolen oder ein höherer Blutdruck vor einem Herzereignis als normal erachtet wurden, so werden dieselben Beobachtungen nachher v.a. beim Partner evtl. als "Gefahrenmoment" erlebt. Literatur zu dieser Thematik gibt es nur wenig. So fand Drory Y et al. (Ventricular arrhythmias sexual activity in patients with coronary artery diseases, CHEST 1996; 09:922-924) in seiner Studien heraus, dass es keine Unterschiede bezüglich der Anzahl von Extrasystolen beim Geschlechtsverkehr oder dem Alltagsleben gibt. Seine Studie wurde mit Partner durchgeführt, die in einer festen Beziehung standen.

Risiken beim Sex.

Wie steht es um mich als herzkranker Patient. Wie fit bin ich wieder? Ist mein Selbstbewusstsein stark genug und besteht ein enges Vertrauen zum Partner.

Das Risiko, dass ein Herznotfall beim Sex auftritt ist sehr gering.

Da auch Patientinnen nach kardialen Ereignissen Gerinnungshemmer einnehmen müssen, besteht eine erhöhte Blutungsneigung aufgrund bestehender Trockenheit der Scheide. Nicht anders bei Männern am Penis.

Nach dem Vortrag von Dr. med. Artur Bernardo, Klinik Gais, Schweiz, am 24. September 2011 in Mannheim. Redaktion: Christian Schaefer