Krafttraining nach Herzklappenersatz/-rekonstruktion (II) 

Sensomotorisches Training (SMT):

Sensomotorisches Training (SMT) ist die Schulung des koordinierten Zusammenwirkens von Sinneseindrücken (Sensorik) und der Muskelaktivität (Motorik). Es wird auch kinästhetisches Training, propriozeptives Training oder vestibuläres Training genannt. Vor 30 Jahren  wurde es  in der Trainingslehre unter dem Begriff Koordinationstraining zusammengefasst.

Sensomotorik findet immer dann statt, wenn Bewegungen und Bewegungsrichtungen verändert werden. Unsere Sinnesorgane nehmen die Eindrücke der Umgebung wahr und veranlassen das Gehirn, unsere Muskulatur entsprechend anzusteuern.

Ich möchte das am Beispiel des Treppesteigens verdeutlichen:

Unsere Augen nehmen die Treppe mit ihrem Höhenunterschied als Hindernis wahr. Unsere Rezeptoren an den Füßen erkennen die Oberflächenbeschaffenheit und den Neigungswinkel der Stufen. Bei jedem weiteren Treppenschritt erkennen die Rezeptoren in den Gelenken, an den Sehnen und Muskelansätzen den Gelenkwinkel und den Kraftaufwand und steuern das dazugehörige Gleichgewicht, damit die Treppe ohne Sturz herauf und herunter gegangen werden kann. Wenn ich meine Patienten auffordere, die Treppen nun mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und mit unterschiedlichem Schuhwerk zu gehen, wäre das bereits sensomotorisches Training.

Sensomotorisches Training ist heute im Leistungssport nicht mehr wegzudenken. Profi-Leistungssportler sind fast 20 Jahre in einem intensiven Trainingsprozess und brauchen das begleitende SMT als Grundlage aller anderen Trainingsprozesse zur Stabilität von kleinen Gelenken und Muskeln, um Verletzungspausen besser zu überstehen und schneller wieder in den Wettkampfprozess zu gelangen. Einige von Ihnen haben vielleicht noch die Fernsehbilder mit den seltsamen Übungen in Erinnerung,  die der damalige Fußballbundestrainer Jürgen Kliensmann zur Vorbereitung der WM2006 seine Spieler ausführen ließ. Dieses waren Elemente aus dem SMT. Handballer, Eishockeyspieler und Leichtathleten z.B. trainieren aus Gründen der Gelenkstabilität und der Muskelansteuerung parallel Seiltanz und Ballett.

Die Effekte dieses SMT werden aber auch in der modernen klinischen Sport- und Bewegungstherapie genutzt, um  krankheitsbedingte Folgeerscheinungen und immobilisationsbedingte degenerative Prozesse an Knochen, Gelenken und Muskulatur aufzuhalten. Nach Gelenksersatz (Hüft- und Knie-TEP) ist das SMT Grundlage jeden weiteren Trainings. Selbst nach einem kardiochirurgischen Eingriff braucht man ein SMT für den Oberkörper, um die Hals- und Brustwirbelsäule zu stabilisieren und auf ein weiteres Training vorzubereiten.

Bereits nach einer Woche Bettruhe messen wir eine schlechtere Koordination und Muskelansteuerung in den unteren und oberen Extremitäten. Daher ist das SMT aus der Sturzprophylaxe und der neurologischen Sporttherapie nicht mehr wegzudenken.

Fälschlicherweise wird das SMT auch oft gleichgesetzt mit dem Krafttraining. Das SMT bildet die Vorstufe zu allen weiteren Krafttrainingsformen. Wissenschaftliche Studien belegen zwar eine geringe Steigerung der Maximalkraft, sie ist aber auf die bessere Koordination zurückzuführen und nicht auf die Steigerung der Muskelmasse. 

SMT wird heute in sehr vielfältiger Form angeboten:

Moderne Fitnessstudios bieten die Möglichkeit, an sehr vielen unterschiedlichen Sportgeräten ein solches Training durchzuführen. Alle Übungen auf einem großen Pezziball gehören zum SMT.

Das Treppensteigen mit unterschiedlichem Schuhwerk am linken und rechten Fuß ist äußerst effektiv und  zu Hause sehr einfach durchzuführen. Gleichgewichtsübungen (Zähneputzen oder Butterbrot zubereiten stehend auf einem Bein und oder auf einer weichen Unterlagen wie z.B. Kissen oder mehrfach gefaltete Decken) sind hervorragende Übungen im häuslichen Bereich.

Versuchen Sie mal, im Einbeinstand auf einer weichen Unterlage, am Tisch stehend, einen Einkaufszettel zu schreiben und in der anderen Hand einen Gegenstand hochzuhalten. Das alles ist bereits sensomotorisches  Training.

In Fitnessstudios und Rehakliniken findet man oft die federnd aufgehängten Standflächen (posturomed©), auf den verschiedene Übungen gemacht werden können.

Eine Sonderform, des SMT ist das Vibrationstraining (Z.B. Power-Plate,  Physiomat oder Galileo).Dabei wird der Effekt mechanisch erzeugter Schwingungen auf die Muskulatur genutzt. Durch die Veränderung der Amplitude erzeugt man einen unterschiedlichen Gelenkwinkel und eine unterschiedliche Dehnung der Muskulatur. Solche Geräte trainieren die Reflexmuster im Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und Muskulatur und verbessern auch geringfügig die Maximalkraft. Dazu gehören auch die schwingenden Stäbe (Flexibar).

Solche mechanisch erzeugten Schwingungen haben auch positive Auswirkungen auf die Knochenstruktur und werden daher auch in der Osteoporosetherapie und zur Sturzprophylaxe eingesetzt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das sensomotorische Training (SMT) das Zusammenspiel unserer Sinnesorgane (vorrangig Gleichgewichtssinn) mit dem Gehirn und der Muskulatur verbessert und daher mit zunehmendem Alter immer größerer Bedeutung erlangt. Das SMT ist die Grundlagen eines weiteren aufbauenden Krafttrainings, kann aber die Effekte eines richtigen Krafttrainings und eines Ausdauertrainings nicht ersetzen.

SMT sollte zwei – dreimal pro Woche in den Alltag eingebaut werden. Die Studienlage ist aber hinsichtlich der Trainingsprogramme, Patientengut und untersuchte Parameter noch sehr uneinheitlich, so dass bezüglich der Belastungsparameter, wie oft in der Woche, wie lange pro Trainingseinheit, welche Geräte, welche Kombination mit anderen Trainingsformen nichts Genaues gesagt werden kann. Bei uns in der Klinik machen wir das SMT begleitend zum Krafttraining 3 x pro Woche bei den orthopädischen und kardiologischen Patienten, unsere Schlaganfallpatienten bekommen dieses Training 5 x pro Woche.

Uwe Schwan, Diplom-Sportlehrer, Therapieleiter, Sankt Rochus Kliniken, 76669 Bad Schönborn, E-Mail. u.schwan@sankt-rochus-kliniken.de (Juli 2011)