Was bedeutet »individueller therapeutischer Bereich«?

Die natürliche Gerinnbarkeit des Blutes muss beim Herzklappen-Patienten herabgesetzt sein, um die erhöhte Gerinnungsneigung (Thrombosegefahr) an der Kunstklappe möglichst gering zu halten. Dieses geschieht durch die Einnahme von Gerinnungshemmern, die die natürliche Gerinnbarkeit des Blutes herabsetzen. Der sog. therapeutische Bereich, der für Herzklappen-Patienten zwischen INR 2,5 und 3,5 liegt, sagt aus, dass in diesem Bereich nur mit einer geringen Gerinnselbildung des Blutes sowie mit einer minimalen Blutungsgefahr zu rechnen ist.
Jeder Klappen-Patient hat darüber hinaus seinen eigenen »(individuellen) therapeutischen Zielbereich«, der vom Arzt festgesetzt wird. Dieser »individuelle therapeutische Zielbereich« richtet sich danach, in welcher Position sich die neue künstliche Herzklappe befindet (Aorten- oder Mitralposition), und ob zusätzliche Erkrankungen am Herzen vorliegen. Der »individuelle therapeutische Zielbereich« bewegt sich aber immer innerhalb des therapeutischen Bereichs.
Sinkt nun der INR-Wert (z. B. aufgrund nicht anweisungsgemäss durchgeführter Einnahme des Gerinnungshemmers oder Wechselwirkungen zwischen dem Gerinnungshemmer und anderen Medikamenten) - 2,0 und weniger -, so erhöht sich die Gefahr der Gerinnselbildung an der Klappe. Es kann zu Öffnungs- und Schliessunfähigkeiten der Klappe kommen. Dieses kann sich äußern in:

  • Plötzlich einsetzenden Seh-, Sprach- oder Bewegungsstörungen;
  • plötzlichen Schmerzen in den Beinen mit Blässe der Füsse oder Beine;
  • plötzlichen schmerzhaften oder schmerzlosen, kleinfleckigen Hautverfärbungen an Händen und Füssen.

Wenn der INR-Wert ansteigt (z. B. aufgrund nicht ordnungsgemäss durchgeführter Einnahme des Gerinnungshemmers, Wechselwirkungen zwischen dem Gerinnungshemmer und anderen Medikamenten oder Veränderungen der Lebensweise wie z. B. Urlaub oder aufgrund veränderten Alkoholkonsums) - INR 5,0 und höher - , erhöht sich die Gefahr der Blutungsneigung. Diese kann sich äussern in:

  • Massivem Nasen- bzw. Zahnfleischbluten;
  • ausgedehnten Blutergüssen, d. h. blauen Flecken unter der Haut, ohne dass man sich gestossen hat;
  • Braunfärbung des Urins oder sogar Blut im Urin;
  • Blut im Stuhl oder einer teerschwarzen Verfärbung des Stuhls.

Grundsätzlich gilt:
- Wenn Sie eines dieser genannten Warnzeichen feststellen, suchen Sie unbedingt Ihren Arzt auf. Sollten Sie eines dieser Hinweiszeichen am Wochenende bemerken, dann suchen Sie die kardiologische Ambulanz Ihres Krankenhauses auf.
- Lassen Sie Ihren INR-/ Quick-Wert engmaschig, d. h. alle 8 - 10 Tage, bei Ihrem Hausarzt kontrollieren oder kontrollieren Sie ihn selbst, damit Sie Ihren »individuellen therapeutischen Zielbereich« einhalten. Denn je besser Sie Ihren Gerinnungswert unter Kontrolle haben, desto seltener sind Komplikationen wie oben beschrieben.

PD Dr. med. Heinrich Körtke† (Herzzentrum NRW, Bad Oyenhausen)

(Juni 2005)