Sie sind hier:  Die Gerinnung > Osteoporose

Haben Patienten, die Gerinnungshemmer einnehmen, ein erhöhtes Osteoporoserisiko?

Um es gleich vorweg zu nehmen, diese Frage lässt sich nicht einfach mit ja oder mit nein beantworten.

Worum geht es?

Von Osteoporose oder, falls weniger ausgeprägt, von Osteopenie spricht man, wenn der Knochen einen verminderten Gehalt an Knochensubstanz aufweist. Das mengenmässig wichtigste Eiweiss des Knochens ist das sogenannte Osteokalzin. Aehnlich wie gewisse Gerinnungsfak-toren braucht es Vitamin K damit Osteokalzin seine definitive Struktur erhält. Bei Patienten mit Vitamin K-Mangel oder eben bei Patienten, die mit Vitamin K-Antagonisten (Cumarinen wie z.B. Marcoumar®/Marcumar® oder Warfarin) behandelt werden, fehlt bei einem Teil der Osteokalzin-Moleküle gewissermassen "der letzte Schliff". Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich die Knochensubstanz bei Patienten die Gerinnungshemmer einnehmen, über die Zeit verringert, ob sie mit anderen Worten ein speziell erhöhtes Osteoporoserisiko haben. Die wichtigste Frage ist dann aber, ob dies zu vermehrten Knochenbrüchen führt!

Zahlreiche Laboruntersuchungen zeigen zweifelsfrei, dass Vitamin K bei der Bildung des Eiweisses Osteokalzin eine wichtige Rolle spielt. Trotzdem konnten alle diese Untersuchungen die genaue Rolle des Vitamin K im Knochenstoffwechsel nicht vollständig klären. Diese Untersuchungen lassen offen, ob Patienten mit langjähriger Marcoumar-Therapie tatsächlich häufiger Knochenbrüche erleiden. Um diese Frage anzugehen wurden deshalb Untersuchungen bei entsprechenden Patientengruppen durchgeführt.

Was zeigen die Resultate der grossen Patientenstudien?

In den letzten 20 Jahren wurden zu diesem Thema diverse Untersuchungen durchgeführt. Die Resultate sind nicht einheitlich: Bei einem Teil der Untersuchungen fand sich kein Einfluss der Marcoumar-Therapie auf die Knochendichte oder auf das Risiko von Knochenbrüchen. Ein Teil der Untersuchungen zeigte jedoch ein häufigeres Vorkommen von Knochenbrüchen. Die meines Erachtens aussagekräftigste Untersuchung wurde im Januar 2006 publiziert. Eine amerikanische Ärztegruppe untersuchte gegen 15'000 Patienten, wovon knapp die Hälfte eine Blutverdünnung mit Warfarin (amerikanische Variante von Marcoumar) hatten. Die Untersucher fanden, dass das Risiko für einen Osteoporose-bedingten Knochenbruch durch die Blutverdünnung im Durchschnitt leicht erhöht war. Diese Risikoerhöhung fand sich allerdings nur bei einer Blutverdünnungsdauer von länger als einem Jahr und nur bei Männern: Unter 100 Männern mit einer Blutverdünnung fand sich 1 Knochenbruch mehr pro Jahr als bei einer vergleichbaren Gruppe von Männern ohne Blutverdünnung. Bei den Frauen, die insgesamt rund ein doppelt so hohes Knochenbruchrisiko haben wie die Männer, fand sich kein Einfluss der Blutverdünnungstherapie.

Soll das Osteoporoserisiko abgeklärt werden?

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es eine Reihe von Risikofaktoren gibt für eine Osteo-porose und Osteoporose-bedingte Knochenbrüche. Dazu zählen etwa eine Langzeittherapie mit Cortison-ähnlichen Medikamenten, ein frühzeitiges Einsetzen der Menopause bei der Frau, hormonelle Veränderungen (Geschlechtshormone und Schilddrüsenhormone), Vorkommen von Osteoporose in der Familie, Rauchen, Alkohol, bereits erlittene Knochenbrüche und das Alter. Jeder Patient sollte unabhängig davon, ob er oder sie eine Blutverdünnung hat mit dem Hausarzt das Osteoporoserisiko anschauen. Bei dieser Standortbestimmung sollte die Tatsache einer Langzeitblutverdünnung mit Marcoumar oder einem Marcoumar-ähnlichen Medikament mit einbezogen werden. Dies ist aber im Gesamtbild des Osteoporoserisikos nur ein kleiner Aspekt. Insbesondere muss auch darauf hingewiesen werden, dass rund 80 % der Knochendichte durch genetische Faktoren bestimmt werden und demzufolge nur ein kleiner Teil durch beeinflussbare Faktoren.

Was können Sie tun?

Es ist sinnvoll dieses Thema mit dem betreuenden Arzt zu besprechen. Darüber hinaus sollen auch Patienten mit Blutverdünnung die üblichen minimalen vorbeugenden Massnahmen gegen Osteoporose erfüllen, nämlich: Darauf schauen, dass bei der Ernährung die Kalzium- und Vitamin D-Zufuhr genügend ist, sinnvolle körperliche Aktivität und Vorbeugen von Stürzen durch geeignete Massnahmen.

Verfasser: Prof. Dr. med. W. Wuillemin, Spitalkrankenhaus, Luzern, Schweiz  (12/2006)

www.coagulationcare.ch