Gratwanderung zwischen Blutung und Thrombose:

Wenn das Blut nicht gerinnen darf


Die Tragweite des Problems kennen nur die Betroffenen selbst und deren Ärzte: Mehr als vier Millionen Menschen in Europa müssen dauerhaft Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung einnehmen, schätzt Christian Schaefer, Präsident der
ISMAAP, einer internationalen Patientenorganisation von Betroffenen. „Wer Antikoagulantien benötigt, lebt zwischen Skylla und Charybdis“, sagt Ch. Schaefer, der wegen seiner künstlichen Herzklappe selbst auf einen Gerinnungshemmer angewiesen ist: „Er muss durch die regelmäßige Kontrolle seiner Gerinnungswerte verhindern, dass es einerseits durch eine zu starke Blutverdünnung zu einer gefährlichen Blutung kommt oder andererseits ein Gerinnsel sein Leben bedroht“.
Auf dem Weltkongress für Kardiologie vom 02.09. bis 06.09.2006 in Barcelona forderte Ch. Schaefer eine partnerschaftliche Kooperation zwischen antikoagulierten Patientinnen/
Patienten und Kardiologen und eine verbesserte, möglichst europaweit einheitliche Therapie mit Gerinnungshemmern.

Die wichtigsten Gründe für den Einsatz gerinnungshemmender Medikamente sind:
– Rhythmusstörungen des Herzens wie z.B. das Vorhofflimmern – mit der Gefahr des Schlaganfalls,
–die Verhinderung des Wiederauftretens einer Beinvenenthrombose – mit der Gefahr einer Lungenembolie,
– der Ersatz von Herzklappen durch künstliche Herzklappen und
– die familiäre (erbliche) Thrombophilie.
Um dem Risiko einer „Verklumpung“ des Blutes, also einer Thrombose bzw. Embolie entgegenzuwirken, stehen seit 60 Jahren Coumarin-Wirkstoffe zur Verfügung, z.B. Phenprocoumon, Sintrom oder Warfarin.
Damit das Blut flüssig bleibt und sich keine lebensgefährlichen Gerinnsel bilden, müssen die Antikoagulantien sehr genau dosiert werden, um das Blut im richtigen Verhältnis zu verdünnen. Ist das Blut zu dünnflüssig, drohen ausgedehnte Blutergüsse, massives Nasen- oder Zahnfleischbluten, Blut im Urin oder/und im Stuhl, Bluthusten, Sehstörungen und andere, oft unerklärliche Symptome.
Selbst bei richtiger Einstellung müssen antikoagulierte Patienten vieles beachten:
– Impfungen dürfen bei ihnen nur unter die Haut (intrakutan) erfolgen. Eine Spritze in den Muskel (z.B. ins Gesäß) könnte zu Einblutungen in das Muskelgewebe führen.
– Kleine Schrammen und Schürfwunden, die oft unvermeidlich sind und normalerweise mit einem Pflaster „verarztet“ werden können, bluten bei ihnen besonders heftig und bedürfen deshalb oft ärztlicher Hilfe.

  • Jedes Medikament zur Behandlung selbst bei alltäglichen Beschwerden wie Ohrenschmerzen, Husten oder Halsweh kann die Gerinnungswerte beeinflussen.
  • Bei sonst problemlosen medizinischen Eingriffen, wie zum Beispiel einer Zahnbehandlung sind besondere Schutzvorkehrungen notwendig, zum Beispiel die vorbeugende Gabe von Antibiotika. Deshalb müssen die Betroffenen immer einen Antikoagulationsausweis bei sich tragen und jeden behandelnden Arzt bzw. Zahnarzt über die Gerinnungshemmung informieren.
  • Ein weiteres Problem ist die lange Wirkdauer der Gerinnungshemmer. Benötigt der Patient eine Operation oder einen anderen blutigen Eingriff, muss man tagelang warten, bis die Wirkung des Antikoagulanz abgeklungen ist. In Notfällen sind jedoch – dann allerdings aufwändige – Maßnahmen möglich, um die volle Gerinnbarkeit des Blutes rasch wieder herzustellen.
  • Selbst bei der Planung des Küchenzettels ist Umsicht geboten. Lebensmittel mit besonders viel Vitamin K (z.B. Spinat, Broccoli, Blumenkohl und andere Kohl- und Gemüsesorten) steigern die Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Das heißt: Die Dosis des gerinnungshemmenden Mittels muss nach solchen Mahlzeiten unter Umständen erhöht werden.

Seit nunmehr 20 Jahren besteht für die betroffenen Patientinnen/Patienten die Möglichkeit, ihre gerinnungshemmende Therapie mit Hilfe eines Gerinnungsmonitors selbst zu überwachen und, wenn nötig, auch die Dosis des gerinnungshemmenden Medikaments eigenverantwortlich anzupassen. „Allerdings überprüfen nur 140000 der betroffenen Patienten die Gerinnungs-
hemmung selbst, davon 120000 allein in Deutschland“, berichtete Ch. Schaefer auf dem Kardiologenkongress in Barcelona. „Dabei haben internationale wissenschaftliche Studien und die Erfahrung von uns antikoagulierten Patienten gezeigt, dass mit der Gerinnungsselbstbestimmung eine bessere Qualität der Therapie zu erreichen ist.“
Die 2002 in Genf gegründete Patientenvereinigung ISMAAP („International Self-Monitoring Association of Oral Anticoagulated Patients“) kümmert sich mittlerweile in neun Partnerländern um die Belange von lebenslang antikoagulierten Patienten. Ihr Präsident Ch. Schaefer möchte vor allem die Zusammenarbeit mit den Ärzten verbessern und die Therapie vereinheitlichen: „In manchen Ländern sind die Ärzte generell damit einverstanden, dass die Patienten ihre Gerinnungswerte (die so genannten INR-Werte) selbst beobachten und ihre Therapie kontrollieren. In diesen Ländern werden die Kosten für die benötigten Geräte für das Selbstmanagement im Regelfall von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. In anderen Ländern bestehen dagegen die Ärzte auf der Kontrolle im Labor bzw. in der Klinik. So muss ein Patient in Großbritannien für den Besuch einer Antikoagulationsklinik einen ganzen Tag einplanen. Wartezeiten bis zu drei Stunden sind die Regel. So verwundert es wenig, dass viele Patienten die Kontrolltermine seltener wahrnehmen, als es eigentlich nötig wäre, und damit ihre Gesundheit aufs Spiel setzen“.
Auf der letzten Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Angiologie/Gesellschaft für Gefäßmedizin“ (DGA) in Dresden wurden vor kurzem Ergebnisse von aktuellen Studien mit neuen Medikamenten zur Gerinnungshemmung präsentiert, deren Zulassung in den nächsten Jahren erwartet wird. Es handelt sich dabei um zwei Wirkstoffklassen („Gatrane“ und „Abane“), deren klinische Entwicklung vor dem Abschluss steht. Dazu die DGA in einer Pressemitteilung: „Ihnen ist gemeinsam die wesentlich kürzere Wirkdauer und die gute Vorhersagbarkeit der Wirkstärke, unabhängig von anderen Einflüssen. Es sind daher keine Gerinnungskontrollen und Dosisanpassungen erforderlich. Die derzeit laufenden großen klinischen Studien werden zeigen, ob sich neben den erheblichen praktischen Vorteilen für die Patienten auch die Hoffnung erfüllt, dass bei gleich guter Wirksamkeit die Zahl der Blutungskomplikationen abnimmt“.
Bis es soweit ist, sind antikoagulierte Patienten allerdings weiterhin zur Gratwanderung zwischen Blutung und Thrombose gezwungen. Die Informationen ihrer Selbsthilfegruppen können dabei eine wertvolle Hilfe sein.
Praktische Hinweise von Leidensgenossen und qualifizierten medizinischen Experten gibt es im Internet unter www.ismaap.org  und auch auf den deutschsprachigen Seiten des ebenfalls von Ch. Schaefer geführten „Arbeitskreises Herzklappen- und Gerinnungs-Patienten“ (www.die-herzklappe.de).

Berichterstatter: Lajos Schöne, München (September 2006)