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Schwankender INR-Wert – Was tun?

Die Blutgerinnung funktioniert im Wesentlichen durch 2 Komponenten, nämlich durch Zusammenarbeit der Blutplättchen (Thrombozyten) und den Gerinnungsfaktoren. Gerinnungsfaktoren sind Eiweißstoffe, die in der Leber gebildet werden und an der Bildung eines Blutgerinnsels notwendigerweise beteiligt sind.
4 dieser Gerinnungsfaktoren benötigen das Vitamin K, um in ihre aktive Form überzugehen, es sind dies die Faktoren II (2), VII (7), IX (9) und X (10). Diese Gerinnungsfaktoren haben eine sehr stark unterschiedliche Lebensdauer, siehe Abbild 1. So verliert der Faktor VII bereits innerhalb von 2 – 6 Stunden nach Einnahme eines Vitamin-K-Antagonisten seine Aktivität, der Faktor II dagegen erst nach ca. 72 Stunden.
Neuer Studien haben ergeben, dass einem stark schwankenden INR-Wert vor allem eine Unterversorgung mit Vitamin K zu Grunde liegt. Ursächlich für den schwankenden INR-Wert ist hierbei offensichtlich die bei Vitamin-K-Mangel stark schwankende Aktivität des Gerinnungsfaktores mit der kürzesten Halbwertszeit, nämlich v.a. Faktor VII (7).
So konnte gezeigt werden, dass Patienten mit stabilem INR-Wert im Schnitt 3-mal mehr Vitamin K zu sich nahmen als die Patienten mit instabilen INR. Eine andere Studie belegte bei Patienten mit instabilem INR-Wert eine deutliche Stabilisierung der Einstellung durch die tgl. Gabe von 100 µg Vitamin K.

Fazit:
Hieraus ist zu folgern, dass „historische“ Ernährungsempfehlungen für Patienten mit Einnahme von Vitamin-K-Antagonisten, die auf eine Vermeidung von Vitamin-K-reichen Speisen zielten, nicht nützlich sondern vielmehr sogar kontraproduktiv sind. Auch für den „Marcumar“-Patienten gilt:
Auf eine ausreichend Versorgung mit Gemüse/Salat (400 – 500 g tgl.) und Obst (mind. 2 x tgl.) ist zu achten. Eine optimale Versorgung mit Vitamin K (70 – 100 µg tgl.) ist förderlich für eine stabile INR-Einstellung.
Ernährungsumstellungen, z.B. Diäten zur Gewichtsreduktion, sind daher jederzeit möglich. Es kann allerdings zu leichten Veränderungen des Medikamentenbedarfs kommen, der INR-Wert sollte in dieser Phase der Umstellung 1 – 2 x wöchentlich kontrolliert werden.
Ähnliches gilt für neue Medikamente, die zusätzlich zum Vitamin-K-Antagonisten eingenommen werden oder den Wegfall einer länger bestehenden Medikation, siehe auch Tabelle 1. Auch hier kann es zur Notwendigkeit einer leichten Anpassung der Dosis des Vitamin-K-Antagonisten nach oben oder unten kommen. Daher ist jeder behandelnde Arzt über die Einnahme eines Vitamin-K-Antagonisten zu informieren.

Dr. med. Hannelore Rott, Gerinnungszentrum Rhein-Ruhr, Königstr. 13, 47051 Duisburg