Ist eine orale Antikoagulation mit Phenprocoumon eine Kontraindikation für das Stillen?


Thrombembolische Erkrankungen in der Schwangerschaft oder im Wochenbett, eine angeborene Thrombophilie oder ein Herzklappenersatz bedingen eine orale Antikoagulation auch während der Stillzeit.
Nach Durchsicht der nationalen und internationalen medizinisch-wissenschaftlichen Literatur finden sich fast ausschließlich nur Hinweise auf eine Antikoagulation mit Warfarin (Coumadin®) während der Stillzeit. Und hier wird das Stillen unter einer Behandlung mit Warfarin eindeutig als risikolos angesehen. Es konnte keine bedeutsame Menge von Warfarin in der Muttermilch nachgewiesen werden.

Es gibt nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen
Aufgrund der chemischen Unterschiede zwischen den Substanzen Warfarin und Phenprocoumon stellt sich die Frage, ob Phenprocoumon (Marcumar®/Falithrom®) in die Muttermilch übertritt. Hierzu liegen bisher nur wenige wissenschaftliche Daten vor. Mit dem Fortschritt der analytischen Technologie (bessere Nachweisbarkeit von Stoffen) konnte auch hierdurch die Anreicherung von Phenprocoumon in der Muttermilch besser nachgewiesen werden.
Unter laufender Antikoagulation (INR-Bereich 2,5) wurde ein Phenprocoumon-Plasma-Spiegel von 1,8 bis 2,2 Mikrogramm pro Milliliter in der Muttermilch aufgezeigt. Mittels einer Milchpumpe wurde  über einen Zeitraum von 24 Stunden Muttermilch gesammelt. Die Auswertung erbrachte einen Phenprocoumon-Plasma-Spiegel von 0,33 Mikrogramm pro Milliliter. Das bedeutet das nur 1/50 des Phenprocoumon-Plasma-Spiegels der Mutter in der Muttermilch nachgewiesen wurde. Ein voll gestillter Säugling nimmt somit etwa sechs bis acht Mikrogramm Phenprocoumon pro kg/Körpergewicht pro Tag auf. Diese Menge liegt deutlich unter der Dosis an Phenprocoumon die für eine laufende Behandlung benötigt wird.
Dieses zeigt, dass die Einnahme von Phenprocoumon keine Gegenanzeige für das Stillen darstellt.
Da der Stoffwechsel der stillenden Mütter unterschiedlich ist und sich hieraus unterschiedliche Dosen von Phenprocoumon ergeben, empfehlen wir, sich grundsätzlich im jeweiligen unteren INR-Bereich aufzuhalten. Um das zu erreichen, ist ein INR-Selbstmanagement mit engmaschiger Bestimmung notwendig. Damit wäre der Übertritt von Phenprocoumon in die Muttermilch vermutlich noch geringer. Auch bei Gaben von einer Tablette Phenprocoumon und mehr pro Tag, besteht keine  mögliche Schädigung des Organismus des Kindes. Dennoch empfehlen wir bei höheren Tagesdosen an Phenprocoumon, dem Säugling zusätzlich Vitamin K in Form von Konakion® zu geben.

PD Dr. med. Heinrich Körtke† (Herzzentrum NRW, Bad Oeynhausen)

(Juni 2005)